Türkei 2013 - Ostanatolien

Merhaba aus Ostanatolien,

dieses Mal grüßen wir vom größten türkischen Binnensee, dem Vansee.

Vor ca. 14 Tagen verließen wir das Schwarze Meer bei Trabzon und schlugen südöstlichen Kurs ein. Vor uns lag das Potnische Gebirge. An seine Nordflanke schmiegt sich in schwindelnder Höhe das bekannte Kloster Sumela. Sumela war ein für seine Wunder bekanntes Zentrum der Marienverehrung. Heute ist das Kloster eine der bedeutendsten touristischen Attraktionen im östlichen Anatolien. Da die vielen Touristen in Bussen durch das enge Tal zum 1300 Meter hoch gelegenen Kloster gebracht werden, trauten wir uns auch mit unserem Wohnmobil  hinauf zum Nationalpark. Die Strasse endete schließlich in einer Sackgasse, an deren Ende sich Reisebusse und PKW sowie ein Hofheimer Wohnmobil den Parkplatz streitig machten. Wenden fast aussichtslos! Mit dem noch zu lösenden Problem im Hinterkopf wanderten wir, leider durch Nebelschwaden, über einen steilen Waldpfad hinauf zum Kloster. Trotz der nicht optimalen Wetterbedingungen hat uns das Bauwerk mit seinen teilweise gut erhaltenen Fresken beeindruckt. Der Nebel erzeugte eine fast mystische Stimmung, die wir in vielen Fotos gut festhalten konnten. 
Zurück am Wohnmobil fassten wir zunächst den Beschluss hier vor Ort zu übernachten, um dem Wendeproblem aus dem Weg zu gehen. Aber alleine hier im dichten Wald zu campieren, so viel mystische Stimmung sollte es auch wiederum nicht sein. So blieb nur die Alternative rückwärts die steile Strasse hinunter zu rollen und an geeigneter Stelle zu wenden. Es ist noch mal gut gegangen! 
Für zwei Tage stehen wir an einem Restaurant, wandern, lesen, klaren das Wohnmobil auf, essen und trinken gut. Doch dann wollen wir weiter!

Übernachtung am Restaurant Sümela in der Nähe von Macka

Übernachtung am Restaurant Sümela in der Nähe von Macka


In zwei weiteren Etappen erreichten wir dann die Stadt Erzurum. Die 400.000 Einwohner große Stadt, die auf fast 2000 Meter Höhe liegt, ist die Hauptstadt der Nordosttürkei. In unserem Reiseführer war Erzurum als erzkonservative Provinzhauptstadt und als langweiliges Nest beschrieben. Weit gefehlt. Die vielen jungen Studenten verleihen der Stadt ein besonderes Flair. Nicht nur kulturell geht es hier drunter und drüber. Eine wirklich spannende Stadt. Auch hier hat uns die Hilfsbereitschaft der Menschen beeindruckt. Der Taxifahrer der uns auf Nachfrage zu einem Übernachtungsplatz gelotst hat, der Parkwächter der uns einen Platz auf der Zufahrt zum Parkhaus zugewiesen hat, der Vater der seinen Sohn gebeten hat Hermann zum Bäcker zu begleiten, der uns unbekannte Kurde, der uns durch die große Moschee geführt hat, alle hatten nur im Sinn uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Wir genießen diese Gastfreundschaft, lediglich Jackson ist genervt ob der vielen Streicheleinheiten, die er von Jung und Alt erhält. 
Hier ist uns klar geworden, dass die Kraft der Menschen eine größere Dynamik entwickelt als Politik und Religion. Wer immer die Türkei in eine streng konservative Kultur zurück führen will, dem wünschen wir viel Vergnügen bei dieser Mission impossible.

Kuppelgräber in Erzurum

Kuppelgräber in Erzurum


Nach drei Tagen ging es von hier weiter in nordöstlicher Richtung. Kars hieß unser nächster Zwischenstopp. Die Stadt Kars ist eine Mischung aus pastellfarbenem Kleinrussland und gut bewachter Grenzstadtatmosphäre. Zugleich ist Kars der Ausgangspunkt für die Besichtigung der 45 km entfernten, altarmenischen Hauptstadt Ani, eine der schönsten Ruinenstätten der Türkei. Hier am östlichen Ende der Türkei gibt es natürlich keine Infrastruktur für Wohnmobile. Also wieder das gleiche Problem. Wohin mit unserem fahrenden Hotel? Anhalten und fragen ist immer eine gute Lösung. Zwei junge Studenten geben gerne Auskunft, steigen zu und navigieren uns kreuz und quer durch die engen Gassen und den ungeordneten Verkehr. Schließlich landen wir auf einem staubigen, öffentlichen Parkplatz mitten in der Stadt. Mit dem Heck des Wohnmobils parken wir an einem großen Militärgelände. Soldaten mit Gewehr im Anschlag bewachen jetzt auch uns. Denn mal gute Nacht!

Otopark in Kars

Otopark in Kars

Am nächsten Morgen stand ein Stadtrundgang auf unserem Programm, inklusive Aufstieg zur Zitadelle. Was früher nur dem Militär vorbehalten war, kann heute jeder haben - einen wunderbaren Ausblick über die Stadt. Nachmittags wechselten wir dann hinüber nach Ani. Für die 45 km durch eine bettelarme Gegend, hier unmittelbar an der armenischen Grenze, brauchten wir fast zwei Stunden. Obwohl die Türkei mächtig in ihre Strasseninfrastruktur investiert, ist der neue Belag noch nicht überall angekommen. 
Ani liegt in einer baumlosen Steppenlandschaft und besteht aus der schon erwähnten Ruinenstadt, einem kleinen Dorf und einem überdimensionalen Restaurant, dass unter einer ebenso großen Türkeifahne Parkmöglichkeiten für Wohnmobile anbietet. Wie bisher waren wir auch hier fast alleine. Ein französischer Weltenbummler war für eine Nacht unser Nachbar. Er ist auf dem Weg nach Georgien, später in den nördlichen Teil des Iraks. Es gibt also doch noch neue Reiseziele. 😊
Für die Besichtigung der Ruinenstadt verließen wir unser Wohnmobil bereits kurz nach Sonnenaufgang um das beste Licht zum Fotografieren zu nutzen. Durch ein Loch im Zaun, die Anlage hatte noch nicht geöffnet, verschafften wir uns Zutritt zu dem weitläufigen Gelände.
Die Sehenswürdigkeiten bestehen im Wesentlichen aus mehr oder weniger gut erhaltenen Kirchen, armenischer Baukunst und anderen Spuren der ehemaligen 100.000 Einwohner zählenden Stadt. Noch faszinierender fanden wir aber die einzigartige Landschaft direkt an der armenischen Grenze. Endlose Weite durchschnitten von tiefen Canyons in fast menschenleerer Umgebung tun dem Auge gut. Um so bedrückender wirken die hoch aufragenden Wachtürme die auf beiden Seiten der Grenze sich deutlich abheben. Vielleicht haben wir auch nur verdrängt, wie es noch vor einigen Jahren in unserer Heimat aussah.
Den Rest des Tages wollten wir dann am Wohnmobil chillen und Kraft für die nächsten Etappen tanken. Es kam ganz anders. Von einer Minute zur anderen füllte sich das Restaurant und unser Stellplatz mit einer Hochzeitsgesellschaft. Was zunächst ganz abwechslungsreich begann, artete dann in größeren Stress für uns aus. Die Feier zog nämlich eine unüberschaubare Horde Kinder aus dem Ort Ani an. Nicht das Hochzeitspaar war die gewünschte Abwechslung sondern wir gerieten in den Fokus. Steine flogen in Richtung Jackson, der seinerseits die Kinder mächtig aufmischte. Flinke Kinderhänder waren überall am und in dem Wohnmobil. Die Situation geriet völlig außer Kontrolle. 10 Minuten später hatten wir unser Wohnmobil startklar und verließen früher als geplant den "ruhigen" Ort.

Übernachtung am Restaurant in Ani

Übernachtung am Restaurant in Ani

Ruinen der ehemaligen Hauptstadt Armeniens - Ani

Ruinen der ehemaligen Hauptstadt Armeniens - Ani


Also auf nach Dogubayazit! Die 230 km lange Strecke dort hin ist landschaftlich ein Traum. Es geht hoch und runter, immer um die 2000 Meter hoch. Trotzdem kann man es nicht erwarten ihn endlich zu erspähen, den Berg der Berge. Dann lag der 5137 Meter hohe, schneebedeckte Ararat vor uns, wolkenlos, in voller Schönheit. Wir hatten im wahren Sinne des Wortes den Höhepunkt unserer Reise erreicht. Der Landeplatz der Arche Noah begleitete uns dann bis in die alte Schmugglerstadt Dogubayazit. Hier galt jetzt die Konzentration der Ortsdurchfahrt und dem Auffinden des Campingplatzes hoch oben in den Bergen, genau unterhalb eines märchenhaften Palastes gelegen, dem Isak-Pascha-Palast. Hier in dieser unwirklichen Gegend, nur wenige Kilometer von der iranischen Grenze entfernt, verbrachten wir drei abwechslungsreiche Tage. Wir lauschten den spannenden Erzählungen von Touristen, die von hier den Ararat bestiegen hatten und tauschten uns mit Reisenden aus, die in den Iran aufbrachen. Mit dem Roller durchstöberten wir die geschäftige, ungeordnete, verstaubte aber trotzdem interessante Stadt. Mit Jackson ging es über Stock und Stein hinauf auf die Berge. Die Strapazen der langen Reise bis in die hinterste Ecke von Anatolien hatte sich jetzt gelohnt.

Berg Ararat in Sicht

Berg Ararat in Sicht


Aber auch diese Erlebnisse liegen jetzt hinter uns. Wir sind inzwischen südlich von Van am gleichnamigen See angekommen. Hier lassen wir uns die immer noch warme Sonne auf den Bauch scheinen und planen die weitere Reiseroute. Es geht jetzt wieder nach (Süd) Westen. Wir freuen uns auf weitere landschaftliche und kulturelle Höhepunkte.
Es grüßt euch herzlichst Hermann, Christa und Jackson.